
watts up: Herr Grassegger, obwohl man als erfahrener Elektriker die Beleuchtung nach den Regeln der Technik installiert, fehlt manchmal der Wohlfühleffekt beim Licht oder es wirkt sogar anstrengend. Was sind typische Missverständnisse oder Unzulänglichkeiten, wenn es um Lichtqualität z.B. im Büro geht?
Michael Grassegger: Ein häufiges Missverständnis ist, dass gute Bürobeleuchtung bereits dann erreicht ist, wenn die Beleuchtungsstärke normgerecht ist. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Lichtqualität entsteht aus dem Zusammenspiel von ausreichender Helligkeit, guter Entblendung, passender Lichtverteilung, geeigneter Farb- und Spektralqualität, möglichst flimmerarmer Technik und der konkreten Nutzungssituation im Raum.
Gerade im Büro reicht „hell genug“ nicht aus. Menschen arbeiten dort über viele Stunden an Bildschirmen, lesen, kommunizieren und wechseln zwischen konzentrierter Tätigkeit und Besprechung. Wenn Licht blendet, unsichtbar flimmert, kalt oder künstlich wirkt oder visuell anstrengt, kann eine formal korrekt installierte Anlage trotzdem als unangenehm wahrgenommen werden.
Als Quintessenz: Normgerecht ist die Basis. Wohlbefinden, visuelle Ergonomie und Akzeptanz entstehen erst durch eine ganzheitlichere Betrachtung.
watts up: Gibt es typische Aussagen von Nutzern oder sogar Beschwerden, bei denen man als Elektriker hellhörig werden sollte?
Grassegger: Hellhörig werden sollte man bei Aussagen wie:
Solche Aussagen sind nicht immer eindeutig auf die Beleuchtung zurückzuführen, aber sie sind ernstzunehmende Hinweise. Die DGUV nennt bei schlechter Beleuchtung unter anderem Kopfschmerzen, tränende oder brennende Augen sowie Flimmern vor den Augen als mögliche Beschwerdebilder.
Meine Empfehlung: Nicht vorschnell nur Leuchtmittel tauschen oder mehr Helligkeit installieren. Besser ist eine strukturierte Bestandsaufnahme: Wo treten Beschwerden auf? Zu welcher Tageszeit? An welchen Arbeitsplätzen? Bei welchen Tätigkeiten? Daraus ergibt sich, ob einfache Maßnahmen reichen oder ob Spezialwissen erforderlich ist.
watts up: Welche Rolle spielen Faktoren wie Spektrum, Flimmern oder Lichtverteilung im Vergleich zu den klassischen Planungsgrößen?
Grassegger: Klassische Planungsgrößen wie Beleuchtungsstärke, Gleichmäßigkeit und Blendungsbegrenzung bleiben unverzichtbar. Sie sind die technische Grundlage. Aber sie erklären nicht alles, was Nutzer als „gutes“ oder „schlechtes“ Licht erleben.
Spektrum, Flimmerverhalten und Lichtverteilung wirken eher auf der Qualitätsebene. Das Spektrum beeinflusst, wie natürlich Farben, Materialien und Hauttöne wahrgenommen werden. Flimmern, auch das unsichtbare, kann visuell und indirekt belastend sein, insbesondere bei längerer Arbeit unter Kunstlicht oder für empfindliche Personen.
Die Lichtverteilung entscheidet wiederum, ob ein Raum ruhig, ausgewogen und arbeitsfreundlich wirkt oder ob harte Kontraste, Schatten, Reflexionen oder Blendung entstehen. In der Praxis ist genau dieses Zusammenspiel bedeutsam.

watts up: Sie sprechen von „gesundheitsfördernder Beleuchtung“. Was bedeutet das konkret für den Arbeitsalltag – also, was verändert sich wirklich für die Menschen im Büro?
Grassegger: Wir verwenden den Begriff „gesundheitsfördernde Beleuchtung“ bewusst nicht als Heilversprechen. Es geht nicht darum, dass das Licht medizinische Probleme löst. Es geht darum, Arbeitsumgebungen so zu gestalten, dass visuelle Belastung reduziert, Konzentration unterstützt und das Leistungsvermögen der Mitarbeitenden an den Arbeitsplätzen verbessert wird.
Im Büro bedeutet das konkret: weniger Blendung, weniger störende Reflexionen, eine angenehmere Lichtatmosphäre, bessere Farbwahrnehmung, eine ausgewogene Ausleuchtung und ein Licht, das über viele Stunden nicht als belastend empfunden wird. Gute Beleuchtung kann damit ein wichtiger Baustein für bessere Arbeitsbedingungen sein.
Wichtig ist: Gesundheit am Arbeitsplatz entsteht nie durch einen einzelnen Faktor. Licht ist aber einer der Faktoren, die täglich und dauerhaft auf Menschen wirken.
watts up: Haben Sie konkrete Beispiele aus Projekten, wo „normgerecht“ umgesetzt wurde – aber trotzdem nachgebessert werden musste?
Grassegger: Ja, solche Fälle gibt es regelmäßig. Typisch sind Büros, in denen die Beleuchtungsstärke rechnerisch stimmt, aber Mitarbeitende über Blendung, Spiegelungen auf Bildschirmen oder ein kaltes und steriles Licht klagen. Ein anderes Beispiel sind gleichmäßig helle Räume, die trotzdem als „flach“, „kalt“ oder ermüdend wahrgenommen werden, weil Lichtverteilung und Lichtfarbe sehr unnatürlich wirken.
In solchen Projekten liegt das Problem selten darin, dass handwerklich schlecht gearbeitet wurde. Häufig wurde technisch korrekt installiert, aber die tatsächlichen Anforderungen wurde zu wenig berücksichtigt. Büroarbeitsplätze sind heute dynamischer: unterschiedliche Bildschirmgrößen, wechselnde Sitzpositionen, Besprechungszonen, intensive Nutzung und hohe Aufenthaltsdauer.
watts up: Sie thematisieren immer wieder Vollspektrumlicht. Wie würden Sie einem Elektriker den echten technischen Unterschied zu Standard-Lösungen erklären?
Grassegger: Vereinfacht gesagt: Bei Standard-LED-Lösungen wird Licht häufig primär über Effizienz, Lichtstrom und Farbtemperatur beschrieben. Vollspektrumlicht betrachtet stärker die Qualität der spektralen Zusammensetzung des Lichts. Ziel ist ein möglichst ausgewogenes, natürlich wirkendes Lichtspektrum, das Farben, Materialien und Raumwirkung angenehmer und differenzierter erscheinen lässt und auch das Wohlbefinden unterstützt.
Dabei wichtig: Zwei Leuchten können auf dem Papier ähnliche Werte bei Watt, Lumen und Kelvin haben und sich in der Wahrnehmung trotzdem deutlich unterscheiden. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Licht herauskommt, sondern auch die Lichtqualität, d.h., wie gut das Licht die Mitarbeitenden unterstützt.
watts up: Ist das Thema Lichtqualität ein Auftragskriterium, das auch als solches von den Auftraggebern gefordert wird, oder wird es einfach vorausgesetzt? Wie sollte sich ein Handwerksbetrieb hier positionieren?
Grassegger: In vielen Projekten wird Lichtqualität noch nicht ausdrücklich gefordert, sondern stillschweigend vorausgesetzt. Auftraggeber erwarten, dass Licht funktioniert, normgerecht ist und keine Beschwerden verursacht. Erst wenn Nutzer unzufrieden sind, wird sichtbar, dass „funktioniert“ und „gut“ nicht dasselbe sind.
Für Handwerksbetriebe liegt hier eine Chance. Wer Lichtqualität aktiv anspricht, verlässt den reinen Preisvergleich. Der Betrieb positioniert sich nicht nur als Installateur, sondern als Problemlöser für bessere Arbeitsbedingungen. Wichtig ist aber, die eigenen Grenzen zu kennen. Bei einfachen Projekten reichen Erfahrung und solide Produkte. Bei sensiblen Büroflächen, Beschwerden oder besonderen Anforderungen sollte Spezialwissen eingebunden werden.

watts up: Viele Projekte im Handwerk sind Sanierungen oder Um- sowie Nachrüstungen. Wo kann ich mit praxisnahen Mitteln die Lichtqualität verbessern, ohne alles neu zu planen?
Grassegger: Bei Sanierungen muss nicht immer alles neu geplant werden. Häufig lassen sich bereits durch gezielte Maßnahmen Verbesserungen erzielen: ungünstige Leuchtenpositionen prüfen, Blendquellen reduzieren, defekte oder gealterte Komponenten ersetzen, natürlichere Lichtfarbe und Lichtqualität, indirekte Lichtanteile verbessern und gegebenenfalls Steuerungsmöglichkeiten sinnvoll einsetzen.
Entscheidend ist, nicht nur die alte Leuchte gegen eine neue mit ähnlichen Leistungsdaten zu tauschen. Gerade beim 1:1-Austausch besteht die Gefahr, alte Schwächen zu übernehmen. Eine Sanierung sollte mindestens die unterschiedlichen Anforderungen an die Beleuchtung und die Beschwerden der Nutzer einbeziehen.
watts up: Worauf sollte ich bei der Beleuchtungsplanung achten? Wie sollte ich vorgehen?
Grassegger: Aus unserer Sicht beginnt gute Beleuchtungsplanung nicht mit der Leuchte, sondern mit der Nutzung. Welche Tätigkeiten finden statt? Wo sitzen Menschen? Wie lange arbeiten sie dort? Gibt es Bildschirmarbeitsplätze? Gibt es Blend- oder Reflexionsprobleme? Welche Wirkung soll der Raum haben?
Danach sollten die technischen Anforderungen korrekt geklärt werden: Beleuchtungsstärke, Gleichmäßigkeit, Blendungsbegrenzung, Farbwiedergabe, Lichtverteilung, Wartung, Steuerung und Energieeffizienz. Die DIN EN 12464-1 beschreibt Anforderungen an Beleuchtung von Arbeitsstätten in Innenräumen mit Blick auf Sehkomfort und Sehleistung.
Unsere Empfehlung: Erst die Anforderungen verstehen, dann Technik auswählen. Nicht umgekehrt.
watts up: Ab wann würden Sie sagen: Hier sollte ein Elektriker einen spezialisierten Lichtplaner oder Anbieter wie Sie mit ins Boot holen? Welchen Mehrwert bietet das?
Grassegger: Ein Spezialist sollte eingebunden werden, wenn die Beleuchtung nicht nur „hell machen“ soll, sondern die Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit und ihrem Wohlbefinden unterstützt werden sollen. Typische Fälle sind Büroflächen mit vielen Bildschirmarbeitsplätzen, Beschwerden von Nutzern, hohe Aufenthaltsdauer, sensible Tätigkeiten, anspruchsvolle Auftraggeber oder Projekte, bei denen der Betrieb sich bewusst vom Preiswettbewerb abheben möchte.
Der Mehrwert liegt darin, Probleme und Anforderungen zu erkennen und eine Lösung zu entwickeln, die technisch, ergonomisch und wirtschaftlich besser passt. Für den Elektrobetrieb bedeutet das nicht Kontrollverlust, sondern Entlastung: Er bleibt der Umsetzungspartner, kann aber bei anspruchsvollen Fragen auf Spezialwissen zurückgreifen.
Wir verstehen uns hier ausdrücklich als Partner des Elektrohandwerks – nicht als Ersatz für den Elektrobetrieb.
watts up: Mit einer Standardlösung steht man als Handwerksbetrieb oft im direkten Wettbewerb und der Preis ist meist der entscheidende Faktor beim Auftrag. Mit einer individuellen Lösung und einem ganzheitlichen Ansatz bietet man ein maßgeschneidertes Beleuchtungskonzept. Lohnt sich diese Positionierung als Betrieb?
Grassegger: Ja, aber nicht für jeden Betrieb und nicht für jedes Projekt. Wer ausschließlich über Standardprodukte und Quadratmeterpreise verkauft, landet fast automatisch im Preiswettbewerb. Eine individuelle Lösung mit ganzheitlicher Betrachtung schafft Differenzierung – vor allem bei gewerblichen Kunden, die Arbeitsqualität, Mitarbeiterzufriedenheit und langfristige Nutzungskosten im Blick haben.
Für Elektrobetriebe kann diese Positionierung wirtschaftlich interessant sein, wenn sie sauber kommuniziert wird: nicht als „teureres Licht“, sondern als bessere Beleuchtung zur Lösung konkreter Anforderungen. Der Betrieb verkauft dann weniger die Ware als eine qualitativ hochwertige Lichtlösungen.
Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: Nicht jeder Kunde honoriert das. Deshalb ist die Qualifizierung des Kunden entscheidend. Bei reinen Billigvergaben ist eine hochwertige Lichtlösung meist schwer durchsetzbar. Bei anspruchsvollen Büroprojekten kann sie ein klarer Wettbewerbsvorteil sein.
watts up: Glauben Sie, dass sich Anforderungen an Beleuchtung in den nächsten Jahren spürbar verändern werden?
Grassegger: Ja, davon gehen wir aus. Die Anforderungen werden sich spürbar verändern, weil Büroflächen heute anders genutzt werden als früher. Es geht nicht mehr nur um normgerechte Ausleuchtung, sondern stärker um Aufenthaltsqualität, Bildschirmverträglichkeit, Energieeffizienz, flexible Nutzung, Arbeitgeberattraktivität und gesunde Arbeitsbedingungen.
Auch Normen, Regeln und arbeitsschutzbezogene Themen bleiben relevant. Die ASR A3.4 stellt klar, dass Arbeitsstätten mit einer dem Sicherheitsschutz und Gesundheitsschutz angemessenen künstlichen Beleuchtung ausgestattet sein müssen; zudem verweist die BAuA darauf, dass mit zunehmendem Alter höhere Anforderungen an die Beleuchtungsqualität entstehen können. Hinzu kommt, dass das Thema visuelle Ergonomie zunehmend mehr Beachtung finden wird.
Für das Elektrohandwerk bedeutet das: Licht wird beratungsintensiver. Betriebe, die früh lernen, Lichtqualität als Mehrwert anzusprechen und bei Spezialfragen Partner einzubinden, werden besser positioniert sein als Betriebe, die Beleuchtung nur als austauschbares Installationsprodukt behandeln.

Michael Grassegger ist Gründer von natur-nah und Experte für sonnennahes Vollspektrumlicht. Seit über 25 Jahren widmet er sich der Entwicklung und Optimierung einer gesundheitsfördernden Beleuchtung mit Vollspektrumlicht, um Menschen eine natürliche und leistungsfördernde Beleuchtung zu ermöglichen. Dabei unterstützt er auch das Elektrohandwerk bei der Umsetzung anspruchsvoller Beleuchtungsprojekte.
Mehr Informationen zum Thema gibt es unter: https://natur-nah.de/

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