Energiemanagementsysteme (EMS)

EMS als Geschäftsfeld fürs Elektrohandwerk inkl. Marktübersicht

Energie
2.11.2026
8 Minuten
Mit Photovoltaikanlagen, Batteriespeichern, Wärmepumpen, Wallboxen und intelligenten Messsystemen entwickelt sich jedes Gebäude zunehmend zu einem kleinen Kraftwerk. Was zunächst wie eine Ansammlung moderner Einzeltechnologien wirkt, ist in Wahrheit ein hochkomplexes Energiesystem, dessen Komponenten optimal zusammenspielen müssen.
Autor: Frank Urbansky (exklusiv für wattsup.de)
Übersicht zur Topologie eines EMS

Für das Elektrohandwerk bedeutet diese Entwicklung einen grundlegenden Wandel des Berufsbildes. Kunden erwarten zunehmend keine isolierten Lösungen mehr, sondern funktionierende Gesamtsysteme. Die klassische Installation einer Photovoltaikanlage oder Wallbox reicht vielfach nicht mehr aus. Gefragt sind intelligente Konzepte, die Energieflüsse im Gebäude koordinieren, den Eigenverbrauch optimieren und gesetzliche Anforderungen erfüllen.

Hinzu kommen neue Rahmenbedingungen wie der Rollout intelligenter Messsysteme, dynamische Stromtarife und die Vorgaben nach § 14a Energiewirtschaftsgesetz (EnWG). Sie dürften dazu beitragen, dass Energiemanagementsysteme (EMS) künftig in vielen Gebäuden zur Standardausstattung werden.

EMS als Gehirn moderner Gebäude

Im Mittelpunkt stehen dabei vier große Energieverbraucher beziehungsweise -erzeuger:

  • Photovoltaikanlage
  • Batteriespeicher
  • Wärmepumpe
  • Ladeeinrichtung für Elektrofahrzeuge

Hinzu kommen zunehmend Klimaanlagen, Lüftungssysteme, Warmwasserbereitung und steuerbare Haushaltsgeräte. Ohne intelligente Koordination konkurrieren diese Verbraucher häufig miteinander.

Wetterprognosen, Strompreise und Nutzungsprofile werden berücksichtigt

Ein modernes EMS verhindert solche Situationen. Es kennt den aktuellen Energiebedarf der angeschlossenen Komponenten, berücksichtigt Wetterprognosen, Strompreise und Nutzungsprofile und entscheidet automatisch, welcher Verbraucher wann mit Energie versorgt wird. Ziel ist es, den Eigenverbrauch der selbst erzeugten Solarenergie zu maximieren, Lastspitzen zu vermeiden und den Strombezug aus dem öffentlichen Netz zu reduzieren. Mit Blick auf künftig sinkende Einspeisevergütungen gewinnt diese Eigenverbrauchsoptimierung an Bedeutung.

Dass sich daraus ein neues Geschäftsfeld entwickelt, bestätigt auch der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH). „Die Nachfrage nach Energiemanagementsystemen steigt. Zum einen werden diese im Zuge smarter und vernetzter Gebäude generell immer wichtiger. Zum anderen sorgt § 14a EnWG dafür, dass die Installationszahlen weiter steigen. Für e-handwerkliche Betriebe bedeutet diese Entwicklung: Das Geschäftsfeld ‚EMS‘ rückt immer stärker ins Blickfeld“, so Andreas Habermehl, Geschäftsführer Technik und Berufsbildung beim ZVEH.

Vom Elektriker zum Systemintegrator

Die Installation einer Photovoltaikanlage, Wärmepumpe oder Wallbox gehört mittlerweile zum Tagesgeschäft vieler Elektrohandwerksbetriebe. Die eigentliche Herausforderung beginnt jedoch danach: Sämtliche Komponenten müssen zuverlässig miteinander kommunizieren, Energieflüsse intelligent aufeinander abgestimmt und gesetzliche Vorgaben eingehalten werden. Das Energiemanagementsystem wird damit zur zentralen Schaltstelle – und der Elektrohandwerker zum Systemintegrator.

Die Zeiten, in denen jedes Gewerk weitgehend für sich arbeitete, gehen zunehmend zu Ende. Moderne Gebäude erfordern ein ganzheitliches Verständnis aller Energieflüsse. Photovoltaikanlage, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur, Wärmepumpe, Smart Meter und Gebäudeautomation müssen als Gesamtsystem geplant werden. Für das Elektrohandwerk bedeutet das einen deutlichen Kompetenzzuwachs – aber auch die Chance, sich als zentraler Ansprechpartner für die Energieversorgung eines Gebäudes zu positionieren.

Diese Entwicklung beobachtet auch das VDE Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN): „Der klassische Elektroinstallationsfachbetrieb muss sich immer mehr mit der Systemintegration auseinandersetzen. Elektro, Heizung/Klima und Mobilität müssen als Gesamtsystem geplant und optimiert werden“, so Frank Borchardt, Leiter des Fachbereichs Metering und Digitalisierung bei VDE FNN.

Vernetzung als Kernkompetenz

Die Kommunikation zwischen den einzelnen Geräten stellt dabei häufig die größte Herausforderung dar. Wechselrichter, Batteriespeicher, Wallboxen und Wärmepumpen stammen oft von unterschiedlichen Herstellern und verwenden nicht zwangsläufig dieselben Kommunikationsstandards.

Zu den wichtigsten Kommunikationsstandards zählen:

  • KNX für die Gebäudeautomation
  • Modbus TCP und Modbus RTU für die Kommunikation zwischen Wechselrichtern, Speichern und Energiezählern
  • EEBUS für den herstellerübergreifenden Datenaustausch im Energiemanagement
  • OCPP für die Anbindung intelligenter Ladeinfrastruktur
  • MQTT für IoT- und Cloud-Anwendungen
  • BACnet vor allem im Zweckbau und in größeren Gebäuden
Frank Borchardt, Leiter des Fachbereichs Metering und Digitalisierung bei VDE FNN
Elektroinstallationsfachbetriebe müssen sich immer mehr mit der Systemintegration auseinandersetzen: Frank Borchardt, Leiter des Fachbereichs Metering und Digitalisierung bei VDE FNN. Quelle: VDE FNN

„Bei der Auswahl einer EMS-Lösung sollte zunächst sichergestellt werden, dass die gesetzlichen Anforderungen – insbesondere die technischen Mindestanforderungen nach § 14a EnWG – erfüllt werden. Ebenso wichtig sind die Sicherheitsanforderungen des BSI sowie des EU Cyber Resilience Acts. Bei der Komponentenauswahl sollten Handwerksbetriebe auf offene und normkonforme Kommunikationsstandards achten“, so Borchardt.

Für Elektrohandwerker bedeutet das: Wer künftig Energiemanagementsysteme plant, muss nicht nur elektrische Anlagen installieren können, sondern auch Netzwerke konfigurieren, Kommunikationsschnittstellen einrichten und Datenflüsse analysieren können. Hinzu kommen IT-Sicherheit, Fernwartung und Cloud-Anbindungen – Themen, die im klassischen Elektrohandwerk vor wenigen Jahren kaum eine Rolle spielten.

Anforderungen an die Kundenberatung steigen

Mit der technischen Komplexität steigen auch die Anforderungen an die Kundenberatung. Bauherren möchten wissen, wie sich Eigenverbrauch und Autarkiegrad erhöhen lassen, ob sich ein Batteriespeicher wirtschaftlich rechnet oder wie dynamische Stromtarife optimal genutzt werden können. Auch Fragen zu § 14a EnWG, intelligenten Messsystemen oder bidirektionalem Laden landen immer häufiger beim Elektrofachbetrieb.

Wer die Zusammenhänge verständlich erklären und dem Kunden eine auf seine Bedürfnisse zugeschnittene Gesamtlösung anbieten kann, verschafft sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Betrieben, die lediglich einzelne Komponenten installieren.

Auf diese Entwicklung hat das Elektrohandwerk frühzeitig reagiert. Mit der Neuordnung der Elektroberufe wurde 2021 der Ausbildungsberuf Elektroniker/-in für Gebäudesystemintegration geschaffen. Er trägt der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung von Gebäuden Rechnung und vermittelt die Kompetenzen, die beim Einsatz moderner Energiemanagementsysteme gefragt sind.

Der ZVEH bewertet die bisherigen Erfahrungen mit dem neuen Berufsbild positiv. „Der Gebäudesystemintegrator beherrscht unterschiedliche Systeme, kann komplexe Zusammenhänge analysieren und findet die passende EMS-Lösung. Er bringt damit alle Voraussetzungen für das Gebäude der Zukunft mit“, so Habermehl.

Weiterbildung entscheidet über die Wettbewerbsfähigkeit

Für Betriebe, die das Geschäftsfeld Energiemanagement gezielt ausbauen möchten, steht ein breites Weiterbildungsangebot zur Verfügung. Neben Schulungen der Innungen und Handwerkskammern bieten die ELKOnet-Bildungszentren, die E-Akademie des ZVEH sowie zahlreiche Hersteller praxisnahe Seminare zu Energiemanagement, Smart Metering, Gebäudeautomation und Ladeinfrastruktur an. Ergänzt wird das Angebot durch die TAR-Fachforen des VDE FNN zu aktuellen technischen Anschlussregeln, Normen und gesetzliche Änderungen.

Andreas Habermehl, Geschäftsführer Technik und Berufsbildung beim ZVEH.
Sieht eine steigende Nachfrage nach EMS: Andreas Habermehl, Geschäftsführer Technik und Berufsbildung beim ZVEH. Quelle: ZVEH

„Der ZVEH empfiehlt Betrieben, sich schnellstmöglich mit der Thematik zu befassen und Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren. Ebenso wichtig ist es, Kenntnisse rund um Smart Metering und Smart-Meter-Gateways aufzubauen, denn auch diese werden im Zuge der Energiewende immer wichtiger“, erklärt Habermehl weiter.

Für Elektrohandwerksbetriebe bedeutet das vor allem eines: Die Investition in Weiterbildung wird zunehmend zur Investition in die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Kunden suchen immer häufiger einen Partner, der nicht nur einzelne Komponenten liefert, sondern komplette Energiesysteme plant, integriert und langfristig betreut.

Bild  Michael Meyer
Empfiehlt fürs Handwerk Schulungsangebote auch der Hersteller: Michael Meyer, Product Marketing Monitoring Power bei Phoenix Contact. Quelle: Phoenix Contact

Ohne sorgfältige Planung können erhebliche Integrationsprobleme entstehen. Michael Meyer, Product Marketing Monitoring Power bei Phoenix Contact, kennt diese Herausforderungen aus zahlreichen Projekten: „Oft sind Systeme – insbesondere Wechselrichter und Batteriespeicher – nicht vollständig kompatibel. Deshalb ist es wichtig, sich im Vorfeld intensiv zu informieren, Schulungsangebote der Hersteller zu nutzen und möglichst einen Testaufbau vor der Inbetriebnahme durchzuführen.“

Offene Schnittstellen zahlen sich langfristig aus

Gerade im Sanierungsbereich treffen Elektrohandwerksbetriebe häufig auf bereits installierte Komponenten unterschiedlicher Generationen. Hier zeigt sich, wie wichtig offene Kommunikationsstandards sind. Systeme, die Modbus TCP, KNX, EEBUS oder OCPP unterstützen, lassen sich in der Regel einfacher erweitern als proprietäre Insellösungen.

Für die Praxis empfiehlt es sich deshalb, bereits in der Planungsphase folgende Punkte zu prüfen:

  • Unterstützen alle Komponenten dieselben Kommunikationsprotokolle?
  • Lassen sich zusätzliche Verbraucher später problemlos integrieren?
  • Sind Software-Updates langfristig verfügbar?
  • Ist ein Fernzugriff für Service und Diagnose möglich?
  • Werden offene Standards unterstützt oder besteht eine Herstellerbindung?

Je früher diese Fragen geklärt werden, desto geringer ist der Aufwand bei der Inbetriebnahme und späteren Erweiterungen.

Wissen über Energieflüsse schafft Mehrwert

Künftig wird zusätzliches Wissen über Energieverbräuche und Lastprofile immer wichtiger. Kunden erwarten Antworten auf Fragen wie:

  • Wie hoch ist mein Eigenverbrauch?
  • Lohnt sich ein Batteriespeicher?
  • Wann sollte das Elektroauto geladen werden?
  • Reicht die vorhandene PV-Leistung für die Wärmepumpe?
  • Wie lassen sich Lastspitzen vermeiden?

„Viele Betriebe können Anlagen problemlos installieren. Häufig fehlen jedoch noch detaillierte Kenntnisse über Energieverbräuche und deren Optimierung. Kunden werden immer preissensibler. Deshalb benötigen Handwerksbetriebe zunehmend auch Kompetenzen im Energiemanagement, um Zusammenhänge verständlich erklären zu können“, so Meyer.

EMS schaffen langfristige Kundenbindung

Während klassische Elektroinstallationen häufig mit der Inbetriebnahme abgeschlossen sind, beginnt bei Energiemanagementsystemen die eigentliche Wertschöpfung oft erst danach. Moderne EMS liefern kontinuierlich Daten über Energieerzeugung, Verbrauch und Anlagenzustand. Diese Transparenz eröffnet Elektrohandwerksbetrieben neue Serviceangebote.

Fernwartung, Software-Updates, Performanceanalysen und regelmäßige Optimierungen entwickeln sich zunehmend zu einem eigenständigen Geschäftsfeld. Gleichzeitig lassen sich viele Störungen frühzeitig erkennen, bevor es zu Ausfällen kommt. Für Betreiber bedeutet das höhere Betriebssicherheit, für den Fachbetrieb wiederkehrende Umsätze und eine engere Kundenbindung.

Marktübersicht: Welches Energiemanagementsystem passt zu welchem Projekt?

Der Markt für Energiemanagementsysteme entwickelt sich mit hoher Dynamik. Neben klassischen Wechselrichter- und Speicherherstellern drängen Anbieter aus der Gebäudeautomation, der Industrieautomation und dem Smart-Home-Bereich auf den Markt. Gleichzeitig entstehen offene Plattformen, die Komponenten verschiedener Hersteller miteinander verbinden.

Für Elektrohandwerksbetriebe bedeutet diese Vielfalt vor allem eines: Es gibt nicht das perfekte Energiemanagementsystem. Vielmehr hängt die passende Lösung vom Projekt, den Anforderungen des Kunden und den bereits vorhandenen Komponenten ab.

Zum Download: Marktübersicht Energiemanagementsystem als PDF

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